Nach einem gemütlichen Abendessen mit gutem Service gehen wir schon recht früh schlafen. Glücklicherweise ist der Massenschlag praktisch leer und wir haben genug Platz für uns. So können wir uns in den wenigen bleibenden Stunden gut ausruhen.

Aus Angst vor dem nervigen Schrillen des Weckers bin ich schon vorher aufgewacht und bin dann für einmal auch nicht der Letzte der sich bereitgemacht hat. Wir sind gut in der Zeit, schon um 4 Uhr stehen wir vor dem Berghotel Diavolezza. Chrigl als erfahrener Hochtourenleiter gibt noch die letzten Tipps. Er weiss, Pickel und Steigeisen sind Utensilien, die man schnell einmal in der Hütte liegen lässt, da man sie auf den ersten Metern zum Gletscher nicht braucht. Wir kontrollieren nochmals seriös und alle Teilnehmer haben alles dabei. Dann marschieren wir in die angenehm warme Nacht hinaus. Letzteres lag vielleicht auch an dem gesunden Anfangstempo. Schnell krempeln wir die Ärmel hoch. Als wir bei der ersten Schneefeldtraverse die Pickel hervorsuchen, sagt uns Chrigl, dass man auf dieser Höhe immer genug langsam starten sollte, damit man den Organismus nicht überlastet.

Nach fünfzig Minuten kommen wir zum Gletscher und ziehen die nötigen Utensilien an. Chrigl packt einen Gegenstand nach dem Anderen aus dem Rucksack. Fluchend („Huere Gamellerieme“) merkt er, dass seine Steigeisen nicht im Rucksack sind. Nun folgt eine Leistung, vor der selbst Ueli Steck nur mit offenem Mund den Hut ziehen könnte. Chrigl rennt los und ist verschwunden. Nach sagenhaften vierzig Minuten ist er schon wieder zurück – zwanzig Minuten für die Strecke, für die wir mehr als doppelt so lange benötigt hatten. Das nennt man Morgengymnastik! Wir staunen, aber nicht lange, denn nun geht’s auch für uns weiter. Wir überqueren den flachen Teil des Vadret Pers auf 3000 Meter Höhe. Einen Kilometer über uns über einigen letzten verbliebenen Nebelschwaden werden die drei Gipfel des Piz Palü ins erste Morgenlicht getaucht. Ein unglaubliches Farbenspiel!

Wir passieren die Gletscherbrüche unter dem Piz Cambrena. Hier muss besonders Acht darauf gelegt werden, dass das Seil gespannt ist, da hier viele versteckte Spalten lauern. Eindrücklich sind die riesigen Eisblöcke und elegant windet sich die Aufstiegsspur um alle Hindernisse. Wenn man hier Spuren muss, kann die Orientierung wahrscheinlich noch recht schwierig sein. Nach weiteren zweihundert Höhenmetern stehen wir auf einem kleinen Plateau und erstmals wärmt uns die Sonne. Der Blick schweift zurück. Bis zum Horizont erstreckt sich ein wogendes Wolkenmeer, als kleine felsige Inseln schauen knapp der Piz Trovat und der Munt Pers heraus. Im Zickzack steigt die Spur einen steilen Schneehang hinauf. Stetig steigen wir höher, kommen auf gleiche Höhe wie der gegenüberliegende Piz Cambrena und stehen schliesslich in einem Schneesattel im Ostgrat auf ca. 3730 Meter. Wir nehmen einige Seilschlaufen auf, da es jetzt am kurzen Seil weitergeht, weil die Spaltensturzgefahr praktisch gleich null ist, jedoch jetzt die Möglichkeit eines Absturzes vorhanden ist. Nach hundert Höhenmetern wird der Grat flacher, aber schmaler, und auf einer guten Spur erreicht man hoch über den Wolken den Ostgipfel.

Über ein Schneefeld steigt man kurz ab, dann folgt der super schöne Schneegrat zum Hauptgipfel. Links dreihundert Meter tiefer ein Gletscherhochplateau, rechts tausend Meter tiefer der Vadret Pers – etwas vom schönsten, was man Erleben kann! Nachdem wir diese Passage konzentriert hinter uns gebracht haben, stehen wir endlich auf dem Hauptgipfel des Piz Palü auf 3900 Meter über Meer. Wir beschliessen, die Mittagsrast erst nach den Hauptschwierigkeiten einzulegen und nach einem Gipfelfoto setzen wir unseren Weg fort. Absteigend gelangen wir zum Felsgrat des Piz Spinas, dem westlichsten Palü-Gipfel. Gerade am Anfang erwartet uns eine kurze heikle Schneefeldtraverse, doch dank guten Anweisungen von Chrigl kommen wir alle heil rüber. Dann folgt Genusskletterei im zweiten Schwierigkeitsgrad über die vielen Felstürmchen und Stüfchen des traumhaften Spinasgrats. An allen schwierigeren Stellen kann gut an Zacken gesichert werden. Wir gelangen zur Fuorcla Bellavista. Hier essen wir unseren Lunch. Es herrscht T-Shirt-Wetter und der Himmel ist wolkenfrei. Oder besser gesagt, wir sind über den Wolken. Sogar Mücken haben sich bei diesen Temperaturen auf 3600 Meter hinauf verirrt.

Über einen Gletscher steigen wir zur Fortezza ab. Wir kommen an riesigen verschneiten Spalten vorbei. Unbeschadet erreichen wir die Fortezza, ein Felsriff zwischen den Gletschern, das einen objektiv sicheren Abstieg ermöglicht. Über eine Felsplatte kommen wir zur ersten Abseilstelle. Bei der zweiten Abseilstelle, Flo, Obed und ich sind noch oben, kommt eine Walliser Seilschaft in einem Tempo hinunter. Der Bergführer fragt, ob seine Gäste unser Seil als Abstiegshilfe benutzen könnten. Wir bejahen und lassen sie vorbeiziehen. Unten sie hetzen weiter. Wegen ihren unnötigen Stress lösen sie eine Steinlawine aus. Patrick befindet sich in der Falllinie und kann sich nur noch dank seiner guten Reaktion und einer Portion Glück in Deckung bringen. Der Walliser Bergführer entschuldigt sich überschwänglich. Könnte man denken. Weit gefehlt. Wortlos hetzt er seine Gäste weiter den Berg hinunter. Keine Entschuldigung. Nichts. Enttäuschend, dass einem solche Leute das schöne Hochtourenerlebnis zerstören können. Es kann ja einmal ein Stein los gehen, wenn man unvorsichtig läuft. Aber dann dieses Wegschauen, als ob nichts geschehen wäre. Als ob man nicht gemerkt hätte, dass man beinahe einen anderen Berggänger abgeschossen hätte. Das finde ich bedenklich und traurig. Nach einem kurzen Schock liessen wir uns aber unsere gute Laune nicht verderben.

Wir können einige hundert Höhenmeter Schneefelder hinunterrutschen und vernichten so schnell Höhenmeter. Unser Ziel, die Morteratsch Bahnstation ist aber noch sehr, sehr weit entfernt. Über viel mühsames Geröll gelangen wir auf den Vadret da Morteratsch. Hier müssen wir uns einen möglichen Weg durch die Spaltenzone suchen. Schliesslich erreichen wir eine gangbare Route in der Mitte des Gletschers. Auf den letzten Metern die Gletscherzunge hinunter müssen wir nochmals die Steigeisen anziehen. Zum Auslaufen folgt ein drei Kilometer langer Kiesweg. Wir alle haben keine Getränke mehr. Hinter jeder Ecke vermuten wir das Restaurant und den tollen Kiosk. Es zieht sich, aber irgendwann sind wir dann doch dort und geniessen ein kühles Abschlussgetränk und stossen auf eine tolle Tour an!

Danke an Mättl für das super Lager!

Danke an Chrigl für die super Leitung!

Meinen persönlichen Dank an Flo für die Führung und Gratulation (an alle) für das Bestehen des J&S-Leiterkurses. Das Training hat sich gelohnt.

Michi Thalmann

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