Rothornhütte, 3.15 Uhr morgens: Chrigls Wecker setzt piepsend der Stille und dem gleichmässigen Schnarchen ein Ende. Zeit zum Aufstehen. Rasch in die Kleider schlüpfen und den Rucksack vor die Hütte stellen, bevor wir in den Essraum gehen. Das Frühstück ist reichhaltig, vor allem wenn man bedenkt, dass alles hier mit dem Helikopter herauftransportiert wurde.

 

Draussen ist es noch stockfinster. Der Pfad zum Gletscher beginnt gleich hinter der Hütte und ist mit Steinmannlis markiert. Die Lichtkegel der Stirnlampen wandern über das Geröllfeld, den besten Aufstieg suchend. Die Stille der Nacht wird nur manchmal vom Geklimper der Karabiner und vom Wind unterbrochen. Rasch gelangen wir auf den eingeschneiten Rothorngletscher. Nun wird angeseilt. Mättl hat Florian am Seil, Chrigl Patrick und Jonas mich. Stetig höher steigend, stapfen wir durch den Schnee. Nach einiger Zeit erreichen wir das obere Ende des Gletschers und die darüberliegende Felsbarriere. Ich klettere Jonas nach. Ein grosser Schritt über die Kluft zwischen Schnee und Fels, dann durch eine Felsrinne, das „Wasserloch“, hoch. Am Nachmittag, wenn die Hitze der Sonne die darüberliegenden Schneefelder auftaut, läuft oft Wasser die Rinne hinunter, daher der Name. Über Schnee und Geröll gelangen wir auf einen Schneegrat hinauf. Mittlerweile ist die gesamte Landschaft in ein fahles Morgenlicht getaucht, die Stirnlampen werden nicht mehr benötigt. Hinter dem Schneegrat bäumt sich steil und felsig das Zinalrothorn auf. Nach einer schmalen Stelle weitet sich der Grat nochmals, ein guter Rastplatz auf über 3900 m. Ein bisschen Schokolade und Tee zur Stärkung. Trinken ist wichtig in dieser Höhe. Wird der Flüssigkeitsverlust nicht wettgemacht, bezahlt man mit Kopfschmerzen.

 

Über schmale Felsbänder queren wir hoch über dem obersten Kessel des Triftgletschers in das Couloir, dass von der Scharte unterhalb der Gabel hinunterzieht. Die Sonne geht auf. Auf dem Schneegrat unter uns sehen wir viele Seilschaften, alle mit dem gleichen Ziel. Es ist wichtig, vorne dabei zu sein, denn oben am Grat wird es später Stau geben, wenn manche im Abstieg immer noch Aufsteigende treffen. Die plattigen Felsen links des Couloirs sind mit Bergschuhen und Steigeisen nicht einfach zu meistern. Wir klettern jetzt in Seillängen, nicht mehr gleichzeitig. Jonas steigt vor, fixiert das Seil an Felszacken oder Haken, ich steige nach. Dann stehen wir plötzlich oben auf dem Felsgrat, in der Scharte unter der Gabel. Ein eisiger Wind bläst über die Nordwand hinauf. Im Windschatten einiger Felsen ziehen wir die Steigeisen für die Schlusskletterei aus. Die erste Seillänge führt uns steil am Grat entlang unter eine senkrechte Stufe. Diese wird auf der Nordseite umgangen, über die „Binerplatte“, eine Kletterstelle im dritten Schwierigkeitsgrad. Es ist trocken, bei Vereisung kann diese Stelle rasch sehr anspruchsvoll werden. Bohrhaken und Metallstangen vereinfachen das Sichern. Über Schnee und Fels gelangt man wieder auf den Grat hoch. In exponierter Kletterei erreicht man den Fuss der Kanzel, ein markantes Felstürmchen, kurz vor dem Gipfel. Rechts kann es auf einem fussbreiten Felsband siebenhundert Meter über dem Hohlichtgletscher umgangen werden. Jonas klettert direkt hinauf und verschwindet dann aus meinem Blickfeld. Ich steige nach, das Türmchen ist mit Handschuhen und Rucksack recht knifflig zu klettern. Oben sehe ich dann Jonas wieder unterhalb des Gipfels, dazwischen eine letzte Scharte. Das Seil steht waagrecht in der Luft, böenartig kommt der Wind über den Grat und verursacht eine eisige Kälte. Mättl und Flo kommen uns entgegen. Sie waren schon auf dem Gipfel und sind bereits wieder am Absteigen.Endlich sind auch wir oben beim grossen Gipfelkreuz mit der Jesusfigur auf dem Zinalrothorn.

 

Kalt ist es. Schnell machen wir uns wieder an den Abstieg. Jonas sichert mich. Viele Seilschaften steigen auf dem Grat aufwärts, wir kommen ihnen entgegen. Es staut, da oft nur ein Haken oder ein guter Felszacken zum Sichern vorhanden sind. Zurück in der Scharte sind wir zwar geschützt vor dem Wind, aber das heikle Felscouloir wartet noch auf uns. Abseilend und kletternd kommen wir tiefer. Grosse Steinplatten warten nur darauf, in die Tiefe gestossen zu werden. Prompt löst eine Seilschaft weiter oben Steine aus, die aber zum Glück durch das Couloir donnern, während wir einigermassen sicher auf der Begrenzungsrippe stehen. Schliesslich queren wir dann wieder aus dem Couloir auf den Schneegrat und kommen unter die 4000-Meter Grenze. Die schmale Stelle auf dem Schneegrat verlangt nochmals höchste Konzentration, dann ist das Gröbste geschafft. Endlich können wir etwas essen.  Mättl und Flo waren schneller unterwegs und sind schon weiter unten. Nach weiteren siebenhundert Abstiegsmetern bis zur Hütte gönnen wir uns am Nachmittag eine ausgiebige Pause.

 

Zur Rothornhütte führen keine Bergbahnen. Deshalb haben wir weitere tausendsechshundert Meter Abstieg von der Hütte zu bewältigen und stärken uns dann in Zermatt in einer Pizzeria. Am Tag darauf dürfen wir uns im Wellness-Bereich des Hotels, in dem Familie Kuster in den Ferien ist, entspannen. Danke vielmals, wir haben’s genossen!

 

Danke auch an Mättl, Chrigl und Jonas für diese Tour!

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